PARTNER-ATLAS

VIETNAM

Als Partner für die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation

01 — Die Leitfragen zum Partner-Atlas

RELEVANZ: Welche Relevanz hat Vietnam für Deutschland, wenn es darum geht, das Interesse "Die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation" zu verwirklichen?

Vietnam ist eines von wenigen kommunistischen Ländern. Eine „sozialistisch orientierte Marktwirtschaft“ bestimmt die Ökonomie des Landes, die kommunistische Partei setzt ihren Allmachtsanspruch rigoros durch – und in Berichten zu Menschenrechten wird heftige Kritik an dem Land geübt. Gleichzeitig führten das mehr als drei Jahrzehnte andauernde Wirtschaftswachstum und politische Stabilität dazu, dass sich Vietnam als einflussreicher Akteur in Südostasien etabliert hat. Frühzeitiges und durchgreifendes Handeln in der Corona-Krise hat die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gefahren bisher vergleichsweise gut eingrenzen können.

International setzt das Land auf stärkere – auch wirtschaftliche – Integration. Im Januar übernahm Vietnam den ASEAN-Vorsitz und einen Sitz als nichtständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat.

Vietnam ist Teil verschiedener multi- und bilateraler Freihandelsabkommen, darunter das EU-Vietnam-Freihandelsabkommen (EVFTA). Durch das EVFTA entfallen die Zölle weitestgehend, vietnamesische Produkte werden EU-Standards angepasst, staatliche Ausschreibungsprozesse und der Dienstleistungssektor öffnen sich weiter.

Deutschland und Vietnam verbindet seit 2011 eine Strategische Partnerschaft. Innerhalb der EU ist Deutschland Vietnams größter Handelspartner. Bereits jetzt sind viele deutsche Unternehmen in Vietnam vertreten. Enge Verbindungen sind in der Zeit des Kalten Krieges entstanden. Die mehr als 150.000 in Deutschland lebenden Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund und die nach Vietnam Zurückgekehrten stellen eine wichtige Ressource für die bilateralen Beziehungen dar. Derzeit werden Maßnahmen zur Entsendung vietnamesischer Arbeitskräfte nach Deutschland umgesetzt, vor allem im Pflegesektor.

Im Bereich Innovation des Global Competitive Index 2019 liegt Vietnam im Mittelfeld (Rang 76 von 141). Insbesondere die Felder Forschung und Entwicklung sowie internationale und Multi-Stakeholder-Kooperationen sind ausbaufähig. Gleichzeitig versucht die Regierung den Ausbau von digitaler Infrastruktur und Industrie 4.0 voranzutreiben.

BEREITSCHAFT: Wie groß ist die Bereitschaft Vietnams, mit Deutschland zur Verwirklichung dieses Interesses zusammenzuarbeiten?

Vietnams Führung sowie Institutionen wie die vietnamesische IHK sind trotz Corona-Krise an einem stärkeren Engagement Deutschlands und deutscher Firmen interessiert. Die Entführung eines vietnamesischen Staatsbürgers von Berlin nach Hanoi 2017 belastete die bilateralen Beziehungen allerdings schwer. Erst 2019 begann die Rückkehr zur Normalität. Ein Grund für die Bereitschaft zu Zugeständnissen auf vietnamesischer Seite war wohl auch, dass bei länger anhaltenden Spannungen die wirtschaftlichen Beziehungen leiden würden.

Als aufstrebende regionale Mittelmacht hat Vietnam ein Interesse daran, die wirtschaftlichen Beziehungen zu diversifizieren und gezielt auch bilaterale Verhältnisse,  zum Beispiel mit Deutschland, auszubauen. Das gilt gerade mit Blick auf die wirtschaftliche Abhängigkeit von China, dem übermächtigen und immer aggressiver auftretenden nördlichen Nachbarn. Multilaterales Agieren ist für Vietnam ein strategischer Ansatz, um Schwächen im bilateralen Verhältnis zu China auszugleichen.

Deutsche Unternehmen und Produkte haben einen guten Ruf in Vietnam. Die Bereitschaft zu Reformen und einer Öffnung der Märkte ist vorhanden, solange das politische Machtsystem nicht infrage gestellt wird. Eine robuste Wirtschaftsentwicklung ist eines der stärksten Argumente, um die autoritären Strukturen zu legitimieren. Dafür werden attraktive Produktionsbedingungen geschaffen, ausländische Direktinvestitionen gefördert und das verhältnismäßig niedrige Lohnniveau beworben.

STATUS QUO: Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Vietnam aktuell in diesem Bereich?

Deutsche Investoren sind in Vietnam bereits in Bereichen wie technologische Produkte, Medizinprodukte, Industrielager, Automobil oder Logistik präsent. Die vietnamesische Firma Vinfast hat in Kooperation mit BMW erste Autos auf den Markt gebracht. Die deutschen Direktinvestitionen steigen zwar, sind aber im Vergleich zu anderen Ländern, allen voran Südkorea und Japan, gering. Im Außenhandel ist die Tendenz generell steigend. Die EU ist Vietnams zweitwichtigster Exportmarkt (nach den USA und vor China): Wichtigste Ausfuhrgüter sind dabei Elektronik, Textilien und Bekleidung sowie Schuhe. Der Wert der Ausfuhren nach Deutschland beläuft sich auf gut 4 Milliarden Euro (2018); Fahrzeuge und Maschinen machen knapp 60 Prozent des Volumens aus. Die deutschen Einfuhren nach Vietnam haben einen Wert von knapp 10 Milliarden Euro (2018). Deutschland liegt damit bei Ausfuhren an 44. Stelle und bei Einfuhren an 25. Stelle der vietnamesischen Handelspartner.

Verschiedene Institutionen flankieren wirtschaftliche Unternehmungen in Vietnam. Dazu gehören die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Vietnam, Germany Trade & Invest und die Europäische Handelskammer Vietnam. In Ho-Chi-Minh-Stadt ist die Präsenz deutscher Einrichtungen im Deutschen Haus zusammengefasst, es gibt die Deutsche Schule und die Vietnamesisch-Deutsche Universität.

Zu den am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Sektoren gehören Tourismus und Transport sowie die Produktionsbereiche Elektronik und Landwirtschaft.

POTENZIAL: Wie groß ist das Potenzial, die Partnerschaft zwischen Deutschland und Vietnam in diesem Bereich zu intensivieren?

Vor allem das EVFTA birgt große Chancen für die EU und Deutschland sowie Vietnam. Aber auch andere Faktoren haben Potenzial, sich positiv auf das Handelsverhältnis auszuwirken. Selbst wenn die Arbeitsproduktivität langsamer steigt als die Lohnkosten, ist das Gehaltsniveau in Vietnam nach wie vor relativ niedrig. Die junge urbane Bevölkerung, die mit zunehmender Kaufkraft in die Mittelschicht aufrückt, ist konsumorientiert. Bildung wird in Vietnam grundsätzlich große Bedeutung beigemessen. Privatisierungen (teil-)staatlicher Unternehmen können auch für deutsche Investoren Chancen bieten. Regierung und Partei sind darin einig, sich weiter entlang der Wertschöpfungskette entwickeln zu müssen. Im Idealfall führt das zu Verbesserungen bei Forschung und Entwicklung sowie Dienstleistungen. Mit Blick auf die Post-Corona-Zeit sollten verstärkte Bemühungen um ausländische Investitionen und neue Exportmärkte in den Vordergrund rücken.

Nach der Entspannung im bilateralen Verhältnis und sobald es die Corona-Situation erlaubt kann auch wieder hochrangiger politischer Austausch stattfinden. Das Potenzial von Reisen als flankierende wirtschaftspolitische Maßnahme ist für deutsche Wirtschaftsinteressen hoch. Die Politik kann wichtige Impulse als Türöffner für deutsche Unternehmen setzen und auch mögliche Probleme auf politischer Ebene ansprechen. Zudem stellen der gute Ruf Deutschlands in Vietnam und die durch Migration etablierten engen Beziehungen eine solide Basis für den Ausbau der Handelsbeziehungen dar.

POLITIKEMPFEHLUNG: Was muss sich in der deutschen Außenpolitik ändern, damit dieses Potenzial vollumfänglich ausgeschöpft werden kann?

Im Rahmen des EVFTA wurden Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte ebenso wie Qualitäts- und Umweltstandards aufgenommen, die nun in der Umsetzung des Abkommens nachgehalten werden sollten.

Grundsätzlich eint beide Länder das Interesse an einem offenen und fairen Welthandel. Die gleichzeitige Verantwortung im UN-Sicherheitsrat und andere – auch regionale – Foren können genutzt werden, um sich für Multilateralismus und global rechtebasierte Wirtschaftsbeziehungen einzusetzen.

Vietnam steht vor einigen wirtschaftspolitischen Herausforderungen, bei deren Behebung Deutschland in Form von technischer, finanzieller und politischer Zusammenarbeit weitere wichtige Beiträge leisten kann. Die Integration junger Akademiker in den Arbeitsmarkt ist schwierig, gleichzeitig gibt es einen Fachkräftemangel bei nichtakademischen Berufen. Die Folgen des Klimawandels wirken sich auf Vietnam besondere stark aus. Die Umweltverschmutzung erreicht ein bedenkliches Ausmaß. Das gefährdet eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, so dass Deutschlands Engagement z.B. bei grüner Energie fortgesetzt werden sollte.

Im Bereich der regulativen Voraussetzungen für Investitionen und Handel sind mehr Rechtssicherheit und Transparenz gefragt. Das sollte auch von der deutschen Politik nachgehalten werden. Die Werte beim Korruptionswahrnehmungsindex (Rang 117 von 180), beim Ease of Doing Business Index (70 von 190) oder dem Competitiveness Index (67 von 141) lassen Spielraum nach oben.

Peter Girke leitet das KAS-Auslandsbüro Vietnam.

VIETNAM

  • Population: 95.529.003
  • Capital: Hanoi
  • Interesse: Die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation
  • Region: Asien und Pazifik
  • Potenzielle Partnerländer: Indien, Japan, Korea, Malaysia, Singapur, Taiwan, Vietnam, VR China

04 — Die Region

Asien und Pazifik

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JAPAN

In Japan sind die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren und die Klimaschutzziele sind ohne einem Politikwechsel nicht zu erreichen. Im Energieplan der japanischen Regierung ist ebenso festgeschrieben, dass effizientere und vernetzte Energiesysteme entwickelt werden müssen. Gemessen an der verfügbaren Technik sind die Herausforderungen und Kosten diesbezüglich noch hoch. Hier liegt enormes Kooperationspotenzial: gemeinsame Lösungen, die innovativ und flexibel die Integration verschiedener Energiequellen bieten.

  • Population: 126.476.461
  • Capital: Tokio
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INDIEN

Deutschland hat ein vitales Interesse daran, eine Weltordnung, die auf den Werten der liberalen Demokratie und der Zentralität der Vereinten Nationen (VN) beruht, zu bewahren und zu festigen. Indiens Bedeutung ist dabei kaum zu überschätzen: Bereits jetzt ist Indien die größte Demokratie der Welt – und inner­halb des neuen Jahrzehnts wird es China als bevölkerungsreichstes Land ablösen.

  • Population: 1.380.004.385
  • Capital: Neu-Delhi
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AFGHANISTAN

Afghanistan war jahrzehntelang das Land mit der größten Diaspora weltweit. 2015 wurde es von Syrien abgelöst. Afghanistan blickt auf 40 Jahre Flucht, Auswanderung und Vertreibung aufgrund von Bürgerkrieg, Gewalt und zerstörten Lebensgrundlagen zurück. Seit 2001 ist das Land einer der wichtigsten sicherheitspolitischen Partner Deutschlands im Mittleren Osten. Auch in der Migrationspolitik ist Afghanistan ein verlässlicher Partner und hat Migrationsströme nie als politisches Druckmittel eingesetzt.

  • Population: 38.928.346
  • Capital: Kabul
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KASACHSTAN

Die Weltausstellung Expo 2017, ein nichtständiger Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (2018), die Friedensgespräche zu Syrien: Kein Land in Zentralasien orientiert sich so in Richtung Europa und Deutschland wie Kasachstan. Trotzdem blieb vieles, was in Kasachstan und Zentralasien auch in jüngster Zeit geschehen ist, in Deutschland unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Dabei ist besonders Kasachstan in vielen strategischen Fragen von zunehmender Bedeutung.

  • Population: 18.776.707
  • Capital: Nur-Sultan
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VIETNAM

Vietnam ist eines von wenigen kommunistischen Ländern. Eine „sozialistisch orientierte Markt­wirtschaft“ bestimmt die Ökonomie des Landes, die kommunistische Partei setzt ihren Allmacht­sanspruch rigoros durch – und in Berichten zu Menschenrechten wird heftige Kritik an dem Land geübt. Gleichzeitig führten das mehr als drei Jahrzehnte andauernde Wirtschaftswachs­tum und politische Stabilität dazu, dass sich Viet­nam als einflussreicher Akteur in Südostasien etabliert hat.

  • Population: 95.529.003
  • Capital: Hanoi
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