Deutschlands Interessen – und mit wem sie sich verwirklichen lassen

Die Regulierung globaler Migrationsströme

Kaum ein Land hat von der Globalisierung, zu der auch die stark gestiegenen globalen Migrationsströme gehören, so profitiert wie Deutschland. Die Zahl der internationalen Migranten ist in den letzten 30 Jahren um mehr als 100 Millionen auf mehr als 250 Millionen Menschen gestiegen, während die Bevölkerung der Bundesrepublik ohne Zuwanderung rund 10 Millionen unter den heutigen 83 Millionen liegen würde.

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Kaum ein Land hat von der Globalisierung, zu der auch die stark gestiegenen globalen Migrationsströme gehören, so profitiert wie Deutschland. Die Zahl der internationalen Migranten ist in den letzten 30 Jahren um mehr als 100 Millionen auf mehr als 250 Millionen Menschen gestiegen, während die Bevölkerung der Bundesrepublik ohne Zuwanderung rund 10 Millionen unter den heutigen 83 Millionen liegen würde. Der wirtschaftliche Erfolg, die Sozial- und Rentensysteme hängen also schon heute zu einem erheblichen Maß von Zuwanderung ab, Tendenz steigend.

Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass die globalen Migrationsströme auch erhebliche Herausforderungen mit sich bringen: Die zunehmende internationale Konkurrenz um Fachkräfte, Integration in die Aufnahmegesellschaften, Flucht und gemischte Migrationsströme sind nur einige Beispiele, seit dem Frühjahr 2020 kommen noch zusätzliche Herausforderungen im Zusammenhang mit der weltweiten Corona-Pandemie hinzu. Insgesamt waren Ende 2018 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, etwas mehr als 0,9 Prozent der Weltbevölkerung. Davon waren 58,3 Prozent Binnenvertriebene, ein Großteil der internationalen Flüchtlinge bleibt in den Nachbarländern ihrer Herkunftsstaaten. Die Corona-Pandemie droht die Notlage dieser ohnehin vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu verschärfen.

Doch auch Deutschland ist unmittelbar von Flüchtlingskrisen betroffen und hat in seiner jüngeren Vergangenheit viele Schutzsuchende wie die sogennanten Boatpeople aus Vietnam in den 1970er Jahren, Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien in den 1990ern oder Menschen, die seit 2015 vor dem Krieg in Syrien geflohen sind, aufgenommen. Gerade die Flüchtlingskrise von 2015/16, in deren Zuge mehr als 1,2 Millionen Erstanträge auf Asyl gestellt wurden, hat Deutschland auch vor erhebliche innenpolitische Herausforderungen gestellt, zur zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft beigetragen und Differenzen zwischen den EU-Mitgliedsstaaten vertieft. Die richtige Balance zwischen Aufnahme, Fluchtursachenbekämpfung und europäischer Grenzsicherung liegt somit im Kerninteresse Deutschlands.

Auch deshalb engagiert sich Deutschland auf der multilateralen Ebene für den Flüchtlingsschutz und die Regulierung globaler Migrationsströme. Deutschland trägt sowohl im Rahmen richtungsweisender Abkommen als auch bei der konkreten humanitären Hilfe vor Ort Verantwortung: als starker Unterstützer und Unterzeichner der beiden Global Compacts zu Flucht und Migration, nach den USA zweitwichtigster Geber des World Food Programme und einziges Land, das gleichzeitig eines der stärksten zehn Aufnahmeländer und einer der größten zehn Beitragszahler des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR ist.

Deutschland steht zu seiner Verantwortung, Menschen, die vor politischer Verfolgung und Gewalt fliehen, gemäß des Asylrechts Schutz zu gewähren. Doch kein Land kann unbegrenzt Schutzsuchende und Migranten aufnehmen. Nur wenn es gelingt, den Integrationsprozess erfolgreich zu gestalten (sprachlich, Akzeptanz des geltenden Rechts und der kulturellen Gepflogenheiten, Integration in den Arbeitsmarkt), wird die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz des Asylrechts fortbestehen, damit Deutschland seiner Verantwortung auch zukünftig gerecht werden kann.

Flucht und Migration kann nur global und somit multilateral begegnet werden. Während sich andere Akteure von der multilateralen Bühne zurückziehen und weniger Verantwortung übernehmen, ist es richtig, dass Deutschland sich auch multilateral für eine effizientere Regulierung globaler Migrationsströme einsetzt – aus einem humanitären Impetus, aber auch, weil deutsche Kerninteressen betroffen sind. Die Wichtigkeit dieses Engagements nimmt aufgrund der Corona-Pandemie zu.

Wenn über globale Migrationsströme gesprochen wird, wird oft unterschlagen, dass Staaten wie Deutschland auch ein inhärentes wirtschaftliches Interesse an Zuwanderung haben. Der Fachkräftemangel wird schon heute auf mehr als 400.000 Stellen geschätzt und die Tendenz ist aufgrund technologischer Innovation und der demografischen Entwicklung stark steigend. Die seit Jahrzehnten geringen Geburtenraten im Zusammenspiel mit dem Renteneintritt der sogennanten Babyboomer-Generation führen zu einer erheblichen Gefährdung des deutschen Sozialsystems – in erster Linie des Gesundheits- und Rentensektors.

Hinzu kommt, dass auch der wirtschaftliche Wohlstand und die Innovationskraft Deutschlands durch diese demografische Entwicklung gefährdet sind. 56 Prozent der Firmen sehen laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages im Fachkräftemangel das größte Geschäftsrisiko. Schlüsselindustrien wie die Mechatronik, Automatisierung, Energie- und Klimatechnik sowie Gesundheitspflege sind besonders betroffen.

Das zunehmende Ungleichgewicht zwischen der Anzahl Erwerbs- und Nichterwerbstätiger – bei der aktuell niedrigen Arbeitslosenquote vor allem aufgrund der zunehmenden Zahl von Mitbürgern im Rentenalter – und der subsequente Fachkräftemangel können in geringen Teilen durch Automatisierung und Ausschöpfung vorhandener Potenziale ausgeglichen werden. Die regionalen Unterschiede sind signifikant. Während deutlich mehr Flüchtlinge als erwartet seit 2015/16 den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt geschafft haben, kann hier noch ein Ausgleich stattfinden. Nichtsdestotrotz wird Deutschland auf Fachkräfteeinwanderung angewiesen sein, wenn der aktuelle Lebensstandard und die hohe Wettbewerbsfähigkeit beibehalten werden sollen. Auch um dieser wirtschaftlichen Notwendigkeit gerecht zu werden, gilt es die Anstrengungen um weltweit höhere Testkapazitäten in Bezug auf den Covid-19 Virus zu verstärken.

Die Flüchtlingskrise von 2015/16 hat nicht nur Deutschland, sondern einen Großteil der europäischen Staaten getroffen, mit denen sich die Bundesregierung um eine enge Abstimmung bemüht hat. Während die betroffenen Grenzstaaten (in erster Linie Griechenland und Italien) durch innereuropäische Grenzöffnungen, Aussetzung des Dublin-Verfahrens und Aufnahme von mehr als 2,5 Millionen Flüchtlingen tatsächlich entlastet werden konnten, hält sich die europäische Solidarität in der Frage der Umverteilung in Grenzen. Es ist den EU-Mitgliedstaaten seit 2015 nicht gelungen, sich auf ein neues gemeinsames Asylsystem zu einigen. Die Europäische Kommission hat im September 2020 Vorschläge für eine Reform des europäischen Asylsystems vorgelegt. Während diese zwar die Dublin Verordnung grundsätzlich beibehalten wollen, sollen schnellere Asylverfahren an den EU Außengrenzen eingeführt werden und ein faireres Verhältnis von Solidarität und Verantwortung geschaffen werden, indem beispielsweise Staaten, die nicht gewillt sind, Flüchtlinge aufzunehmen stattdessen den Prozess der Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern umsetzen. Viele Experten sind derzeit skeptisch, dass diese Vorschläge genügend Unterstützung bei den Mitgliedstaaten generieren und umgesetzt werden können.

Die Zusammenarbeit mit außereuropäischen Partnern nimmt eine besondere Stellung ein, wobei sich die Kooperation ganz unterschiedlich darstellt. Die Bundesregierung konnte zum Beispiel im europäischen Rahmen durch die sogenannten Migrationspartnerschaften, aber auch bilateral besonders mit Niger und Mali Fortschritte erreichen. Ebenso in der Initiative G20 Compact with Africa spielt Deutschland eine hervorgehobene Rolle, einerseits als Initiator, andererseits als enger Partner von Compact-Ländern wie Tunesien (unter anderem im Zuge des Marshallplans mit Afrika). Im Niger werden beispielsweise in der für den Menschenschmuggel wichtigen Region Agadez Projekte unterstützt, um den Menschen alternative Erwerbstätigkeiten zu ermöglichen. Die Zusammenarbeit wurde in den letzten Jahren sukzessiv ausgebaut. In Mali nimmt Deutschland eine Führungsrolle in der Stabilisierungsmission der UN (MINUSMA) ein und trägt damit zur Friedenssicherung bei. Zudem setzt die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag der Bundesregierung Projekte zur verbesserten Regierungsführung und Dezentralisierung um. Damit werden zwei zentrale afrikanische Transitstaaten von Flucht und Migration unterstützt. Mit Tunesien, das sowohl Herkunfts-, Transit- sowie Aufnahmeland ist, wird vor allem in den Bereichen der nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung, Beschäftigungsförderung und makroökonomischen Stabilität zusammengearbeitet.

Die Türkei, vor allem durch das EU-Türkei-Abkommen ein zentraler Partner bei der Reduzierung irregulärer Migration in die EU, ist nicht erst seit der einseitigen Grenzöffnung durch Präsident Erdogan im Frühjahr 2020 ein schwieriger Partner. Einerseits leistet die Türkei mit der Aufnahme und Versorgung von mehr als 3,5 Millionen syrischen Flüchtlingen einen beträchtlichen Beitrag zur Bewältigung der Krise, andererseits nutzt die türkische Regierung das Drohpotenzial einer erneuten Flüchtlingskrise in Europa politisch aus.

Während die Bewältigung der Flüchtlingskrise eine hervorgehobene Rolle spielt, hat die Bundesregierung mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, am 1. März 2020 in Kraft getreten, zudem auf die Notwendigkeit von vermehrter Arbeitsmigration nach Deutschland aus Nicht-EU-Ländern reagiert. Der Fachkräftebedarf kann durch Zuwanderung aus EU-Ländern nicht gedeckt werden, zudem beklagen unsere europäischen Partnerstaaten zunehmend den Braindrain nach Deutschland. Allerdings stehen viele Entwicklungsstaaten vor dem Dilemma, nicht genug Arbeitsplätze für ihre wachsende, zum Teil gut ausgebildete Bevölkerung schaffen zu können. Gerade in vielen afrikanischen Staaten wie Nigeria, Marokko, Tunesien und Ghana hat die Jugend oft nicht ausreichende wirtschaftliche Perspektiven.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll den Zuzug solcher, auch nicht akademisch-qualifizierten Fachkräfte nach Deutschland erleichtern, indem es zum Beispiel den temporären Aufenthalt in Deutschland zur Suche eines Arbeitsplatzes erlaubt, die Begrenzung auf Mangelberufe aufhebt und die Anerkennung der beruflichen Qualifikation erleichtert. Dennoch wird das von der Bundesregierung angegebene Ziel des Zuzugs von mindesten 25.000 neuen Fachkräften pro Jahr kaum zu erreichen sein, da die Anerkennung der beruflichen Qualifizierung weiterhin sehr langwierig ist und Deutschland auch erst als Einwanderungsland im Ausland bekannt gemacht werden muss. Dieses Ziel wird kurzfristig aufgrund der Corona-Pandemie nicht zu erreichen sein, es gilt jedoch die Weichenstellungen vorzunehmen, um es mittelfristig erreichen zu können und den Blick über die unmittelbare Krisenbewältigung zu richten.

Trotz dieser Herausforderungen stellt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz eine Zäsur in der deutschen Arbeitsmarktpolitik dar. Dieser angestrebte Wandel kann nur mithilfe weiterer politischer Maßnahmen erreicht werden. Zu diesem Zweck befindet sich die Bundesregierung in Verhandlungen mit möglichen Partnerländern wie Vietnam, den Philippinen und mehreren lateinamerikanischen Staaten. In Brasilien und Indien soll es Pilotprojekte geben, mit dem Handwerksverband in Bosnien-Herzegowina wurden erste Vereinbarungen getroffen und Bundesgesundheitsminister Spahn reiste Ende 2019 nach Mexiko, um mexikanische Pflegekräfte zu werben und eine engere Partnerschaft beim Austausch von Fachkräften zu vereinbaren.

Der Fokus liegt zunächst auf Ländern, die bereits einen starken Bezug zu Deutschland haben und über entwickelte Ausbildungssysteme verfügen. Viele dieser Staaten besitzen bereits langjährige Erfahrung mit gezielter Arbeitsmigration. Die philippinische Regierung initiierte schon in den 1970er Jahren ein Programm zur Förderung von Arbeitsmigration, zunächst vor allem in die Golfstaaten, danach zunehmend auch in anderen asiatischen Staaten, in Kanada, Australien und den USA. Die Philippinen verfügen über zahlreiche staatliche Institutionen zur Unterstützung der Arbeitsmigration der eigenen Bevölkerung.

Die Flüchtlingskrise 2015/16 hat die Notwendigkeit eines Umverteilungsschlüssels von Schutzsuchenden bewiesen, damit die EU in Zukunft handlungsfähig ist. Ebenso haben die Krise an der griechisch-türkischen Grenze (nach Öffnung der Grenze von türkischer Seite durch Präsident Erdogan) und die Verschärfung der humanitären Notlage auf den griechischen Inseln,  die ihren tragischen Höhepunkt in dem Feuer fand, das das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos im September 2020 zerstörte, deutlich gemacht, dass die EU trotz der Vorhersehbarkeit dieser Entwicklungen nicht ausreichend vorbereitet war.

Während der Grenzschutz weitgehend funktioniert hat, sollte sich die deutsche Regierung für einen weiteren Ausbau der Unterstützung der Grenzstaaten auch hinsichtlich einer Linderung der humanitären Notlage auf den Inseln einsetzen. Es ist absehbar, dass irreguläre Migration und Flucht die Kapazitäten der EU-Grenzstaaten auch zukünftig überfordern werden. Deutschland sollte sich auch weiterhin für eine Koalition der Willigen als ganzheitlichen asylpolitischen Ansatz einsetzen, wie den von der Europäischen Kommission im Herbst 2020 vorgeschlagenen Migrationspakt. Frankreich, Spanien, die skandinavischen Länder, die Beneluxstaaten sowie Deutschland würden sich auf einen Umverteilungsmechanismus untereinander und finanzielle Beteiligung mit den anderen EU-Staaten einigen, um die EU-Grenzstaaten in einem geordneten Rahmen entlasten zu können. Die Notwendigkeit die hohe Konzentration von Schutzsuchenden in Lagern, in denen hygienische Mindeststandards nicht eingehalten werden können, zu vermeiden ist aufgrund der Corona-Pandemie noch deutlicher geworden.

Darüber hinaus gilt es, das EU-Türkei-Abkommen zu erneuern. Hier muss verlorenes Vertrauen wiederaufgebaut werden, um von beiden Seiten mit realistischen Erwartungen ein neues Kapitel der migrationspolitischen Zusammenarbeit aufschlagen zu können. Die Situation der afghanischen und irakischen Flüchtlinge, die in der Türkei größtenteils nicht registriert sind und keinen Zugang zu Sozialleistungen haben, sowie die Situation der syrischen Flüchtlinge um Idlib muss in diesem Zusammenhang besondere Priorität haben.

Nicht zuletzt hat die engere Kooperation mit Partnern, die medial weniger Aufmerksamkeit genießen, das Potenzial, Migrationsströme effektiver zu gestalten. Eine ausgebaute Zusammenarbeit mit den Balkanstaaten, die neben der Grenzsicherung auch die wirtschaftlichen Bedürfnisse vor Ort einbezieht, kann zu einer engeren Anbindung dieser Länder an die EU beitragen. Die Unterstützung des Aufbaus stabiler staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen in von Bürgerkriegen und extremer Armut geplagten Ländern wie Afghanistan sowie das gegenseitige Lernen von anderen Ziel- und Transitländern wie Kolumbien und Marokko haben das Potenzial, zukünftigen Flüchtlings- und Migrationskrisen vorzubeugen und die wirtschaftlichen Chancen von Migration besser nutzen zu können.

Bei der Entlastung von Aufnahmeländern hat der UNHCR eine hervorgehobene Rolle, so zum Beispiel bei der humanitären Versorgung von Flüchtlingen in Burundi, Somalia, Syrien und Afghanistan. Gleichzeitig ist der UNHCR, da er auf freiwillige Spenden angewiesen ist, jedoch strukturell unterfinanziert (etwa 2018 43 Prozent). Einzelne Programme sind besonders betroffen. So mussten etwa die Essens- und Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge aus Burundi mehrmals erheblich eingeschränkt werden.

Die EU und Deutschland als jeweils zweit- und drittstärkster Geber des UNHCR tragen dazu bei, dass Flüchtlinge kurzfristig vor Ort Unterstützung erfahren. Deutschland sollte sich dafür einsetzen, dass vor allem die europäischen Partnerländer zu einer umfänglicheren Finanzierung der Programme beitragen, da diese den oft gefährlichen Weg nach Europa vorbeugen können, kosteneffektiv sind und zu einer Entlastung der Aufnahmestaaten führen.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist hingegen ein wichtiger erster Schritt, um den deutschen Arbeitsmarkt auf die gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen der Wirtschaft auszurichten. Damit es sein Ziel erreichen kann, bedarf es jedoch entscheidender begleitender Maßnahmen. Zum einem gilt es neue Partner für Abkommen zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsabschlüssen oder Ausbildungskooperationen zu gewinnen. Dies kann zum Beispiel durch die gezielte Ausbildung vor Ort durch deutsche Unternehmen, umfänglichere Initiativen, in denen das deutsche System der dualen Ausbildung Vorbildcharakter hat, oder die direkte Anerkennung der beruflichen Abschlüsse im Partnerland erfolgen. Die Bundesregierung unterstützt bereits jetzt im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit weltweit Staaten beim Ausbau der dualen Berufsausbildung, so etwa Serbien, Mexiko, Kenia und die zentralasiatischen Staaten. Die Koordinierung dieser zahlreichen Initiativen im Rahmen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes würde über die geplanten Pilotprojekte hinaus, beispielsweise in Brasilien und Indien, entscheidend dazu beitragen, das Potenzial von Arbeitsmigration nach Deutschland zu nutzen.

Darüber hinaus gilt der Sprachförderung vor Ort eine besondere Priorität, da Deutschkenntnisse als Grundlage für den beruflichen Erfolg und eine gelungene Integration in Deutschland dienen. Das weltweite Netz der Goethe-Institute zur deutschen Sprachförderung sollte ausgebaut und das Angebot (speziell um berufsvorbereitende Sprachkurse) erweitert werden.

Nicht zuletzt müssen die Kapazitäten der Visastellen deutscher Botschaften und die Präsenz von Visastellen ausgebaut werden für eine schnellstmögliche Bearbeitung der erhofften Anträge. Um die angestrebte Fachkräftezuwanderung zu erreichen, sollten die potenziellen Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt ihre Visaanträge in den Herkunftsländern stellen können und nicht erst in ein Nachbarland reisen müssen. Bei der Zuwanderung von qualifizierten Migranten steht Deutschland in Konkurrenz mit zahlreichen anderen Staaten – es sollte deshalb den Weg nach Deutschland so wenig wie möglich verbauen.

Die nachgehenden fünf Fallbeispiele veranschaulichen das Potential einer engeren Zusammenarbeit mit Staaten, die bei der Regulierung internationaler Migrationsströme ganz unterschiedliche Rollen spielen. Es handelt sich dabei um Staaten, in denen eine Vertiefung der bereits bestehenden langjährigen Kooperation maßgeblich zu verbesserter Migrationssteuerung führen kann, und um Staaten, mit denen die bisherigen Partnerschaften noch deutlich ausgebaut werden können und ein hohes Potential zur Erreichung gemeinsamer Ziele besteht.

Mit Afghanistan besteht eine etablierte sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Als eines der Hauptherkunftsländer von Flucht und Migration gilt es nun in erster Linie einen noch stärkeren Fokus auf die Verbesserung der Lebens- und Beschäftigungsgrundlagen zu legen, um den Menschen eine Perspektive vor Ort zu schaffen.

Während Niger, Marokko und Serbien vor allem Transitländer sind, stehen sie vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen. Im Niger spielen vor allem sicherheitspolitische Aspekte und der Aufbau von staatlichen Institutionen eine wichtige Rolle, während Marokko ein zentraler Akteur in der regionalen Migrationspolitik, auch im Rahmen der Afrikanischen Union, ist. In Serbien, als Staat auf der sogenannten Balkanroute, stehen die Grenzsicherung und Versorgung und Umverteilung der Flüchtlinge vor Ort im Vordergrund.

Kolumbien erhält hierzulande weniger mediale Aufmerksamkeit, ist aber aufgrund der unhaltbaren Zustände in Venezuela eines der Hauptaufnahmeländer von Migranten und Flüchtlingen weltweit. Der Erfahrungsaustausch und die Unterstützung bei der unmittelbaren Versorgung der Geflüchteten sowie zur Umsetzung mittel- und langfristiger Public Policies spielen schon jetzt eine wichtige Rolle und haben weiteres Potential zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vor Ort beizutragen. Anhand dieser Fallbeispiele zeigt sich, dass ganz unterschiedliche Partnerschaften notwendig sind, um zu einer effizienten Regulierung globaler Migrationsströme beizutragen.

Christian Bilfinger ist Referent „Flucht und Migration“ in der Hauptabteilung Analyse und Beratung.

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SERBIEN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

In Bezug auf die Regulierung globaler Migrationsströme hat Serbien für Deutschland eine zentrale Bedeutung. Seit dem Beginn der Flüchtlingskrise von 2014 bewegt sich ein großer Teil der Flüchtlinge aus Nahost, Zentral- und Südasien über die sogenannte Balkanroute. Deren Hauptstrang führt von der Türkei und Griechenland aus über Bulgarien, Nordmazedonien und Serbien an die EU-Außengrenze mit Ungarn und Kroatien.

MAROKKO

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Marokko hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Partner Deutschlands in Migrationsfragen entwickelt. Das Königreich hat zum einen eine besondere Rolle innerhalb der Afrikanischen Union (AU) und der internationalen Gemeinschaft übernommen, zum anderen ist es selbst eines der Länder, in der Migration in unterschiedlicher Art und Weise stattfindet.

NIGER

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Niger ist ein wichtiges Transitland für Migranten aus Afrika in Richtung der Mittelmeerküste. Die sogenannte zentrale Mittelmeeroute führt – vor allem über die nigrische Stadt Agadez – in Richtung der algerischen und libyschen Grenze und weiter an die Küste des Mittelmeers. Zahlreiche Nigrer beteiligen sich am Transport von Migranten durch die Sahara, eine Tätigkeit, die gleichermaßen lukrativ für die Schleuser wie gefährlich für die Migranten ist. Darüber hinaus ist Niger auch Durchgangsland für Rückkehrer aus Libyen oder für aus Algerien ausgewiesene afrikanische Migranten. Deutschland wie die EU insgesamt haben ein erhebliches Interesse, Niger als eine der Drehscheiben der afrikanischen Migration bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu unterstützen sowie illegale Migrationsströme möglichst nahe ihres Ursprungs zu unterbinden.

KOLUMBIEN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich nach offiziellen Angaben der kolumbianischen Migrationsbehörde circa 1,8 Millionen der insgesamt mehr als vier Millionen venezolanischen Migranten in Kolumbien. Nach Schätzungen des kolumbianischen Außenministeriums könnte der Migrantenstrom bis Ende 2020 auf drei Millionen anwachsen, wobei weder die sogenannten Durchgangsmigranten noch die Pendler berücksichtigt sind.

AFGHANISTAN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Afghanistan war jahrzehntelang das Land mit der größten Diaspora weltweit. 2015 wurde es von Syrien abgelöst. Afghanistan blickt auf 40 Jahre Flucht, Auswanderung und Vertreibung aufgrund von Bürgerkrieg, Gewalt und zerstörten Lebensgrundlagen zurück. Seit 2001 ist das Land einer der wichtigsten sicherheitspolitischen Partner Deutschlands im Mittleren Osten. Auch in der Migrationspolitik ist Afghanistan ein verlässlicher Partner und hat Migrationsströme nie als politisches Druckmittel eingesetzt.