Deutschlands Interessen – und mit wem sie sich verwirklichen lassen

Die Regulierung globaler Migrationsströme

Deutschland hat von der Globalisierung, zu der auch die stark gestiegenen globalen Migrationsströme gehören, profitiert. Die Zahl der internationalen Migranten ist in den letzten 30 Jahren um mehr als 100 Millionen auf mehr als 250 Millionen Menschen gestiegen, während die Bevölkerung der Bundesrepublik ohne Zuwanderung rund 10 Millionen unter den heutigen 83 Millionen liegen würde. Der wirtschaftliche Erfolg, die Sozial- und Rentensysteme hängen also schon heute zu einem erheblichen Maß von Zuwanderung ab, Tendenz steigend.

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Deutschland hat von der Globalisierung, zu der auch die stark gestiegenen globalen Migrationsströme gehören, profitiert. Die Zahl der internationalen Migranten ist in den letzten 30 Jahren um mehr als 100 Millionen auf mehr als 250 Millionen Menschen gestiegen, während die Bevölkerung der Bundesrepublik ohne Zuwanderung rund 10 Millionen unter den heutigen 83 Millionen liegen würde. Der wirtschaftliche Erfolg, die Sozial- und Rentensysteme hängen also schon heute zu einem erheblichen Maß von Zuwanderung ab, Tendenz steigend.

Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass die globalen Migrationsströme auch erhebliche Herausforderungen mit sich bringen: Die zunehmende internationale Konkurrenz um Fachkräfte, Integration in die Aufnahmegesellschaften, Flucht und gemischte Migrationsströme sind nur einige Beispiele, seit dem Frühjahr 2020 kommen noch zusätzliche Herausforderungen im Zusammenhang mit der weltweiten Corona-Pandemie hinzu.

Insgesamt waren laut UNHCR Ende 2020 82,4 Millionen Menschen, also knapp ein Prozent der Weltbevölkerung, auf der Flucht („displaced“).1 Davon waren 48 Millionen Binnenvertriebene. Ein Großteil der internationalen Flüchtlinge bleibt in den Nachbarländern ihrer Herkunftsstaaten. Die Corona-Krise hat die Notlage dieser ohnehin vulnerablen Bevölkerungsgruppen noch verschärft.

Doch auch Deutschland ist unmittelbar von Flüchtlingskrisen betroffen und hat in seiner jüngeren Vergangenheit viele Schutzsuchende wie die sogenannten Boatpeople aus Vietnam in den 1970er Jahren, Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien in den 1990ern oder Menschen, die seit 2015 vor dem Krieg in Syrien geflohen sind, aufgenommen. Gerade die Flüchtlingskrise von 2015/16, in deren Zuge mehr als 1,2 Millionen Erstanträge auf Asyl gestellt wurden, hat Deutschland auch vor erhebliche innenpolitische Herausforderungen gestellt, zur zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft beigetragen und Differenzen zwischen den EU-Mitgliedstaaten vertieft. Die richtige Balance zwischen Aufnahme, Fluchtursachenbekämpfung und europäischer Grenzsicherung liegt somit im Kerninteresse Deutschlands.

Auch deshalb engagiert sich Deutschland auf der multilateralen Ebene für den Flüchtlingsschutz und die Regulierung globaler Migrationsströme. Deutschland trägt sowohl im Rahmen richtungsweisender Abkommen als auch bei der konkreten humanitären Hilfe vor Ort Verantwortung: als starker Unterstützer und Unterzeichner der beiden Global Compacts zu Flucht und Migration, nach den USA zweitwichtigster Geber des World Food Programme und einziges Land, das gleichzeitig eines der stärksten zehn Aufnahmeländer und einer der größten zehn Beitragszahler des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ist.

Deutschland steht zu seiner Verantwortung, Menschen, die vor politischer Verfolgung und Gewalt fliehen, gemäß des Asylrechts Schutz zu gewähren. Doch kein Land kann unbegrenzt Schutzsuchende und Migranten aufnehmen. Nur wenn es gelingt, den Integrationsprozess erfolgreich zu gestalten (sprachlich, Akzeptanz des geltenden Rechts und der kulturellen Gepflogenheiten, Integration in den Arbeitsmarkt), wird die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz des Asylrechts fortbestehen, damit Deutschland seiner Verantwortung auch zukünftig gerecht werden kann.

Flucht und Migration kann nur global und somit multilateral begegnet werden. Deutschland tut gut daran, sich multilateral für eine effizientere Regulierung globaler Migrationsströme einzusetzen – aus einem humanitären Impetus heraus, aber auch, weil deutsche Kerninteressen betroffen sind. Die Wichtigkeit dieses Engagements hat vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie noch an Bedeutung gewonnen.

Staaten wie Deutschland haben auch ein inhärentes wirtschaftliches Interesse an Zuwanderung. Der Fachkräftemangel wird schon heute auf mehr als 400.000 Stellen geschätzt und die Tendenz ist aufgrund technologischer Innovation und der demografischen Entwicklung stark steigend. Die seit Jahrzehnten geringen Geburtenraten im Zusammenspiel mit dem Renteneintritt der sogenannten Babyboomer- Generation führen zu einer erheblichen Gefährdung des deutschen Sozialsystems – in erster Linie des Gesundheits- und Rentensektors.
Hinzu kommt, dass auch der wirtschaftliche Wohlstand und die Innovationskraft Deutschlands durch diese demografische Entwicklung gefährdet sind. 56 Prozent der Firmen sehen laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages im Fachkräftemangel das größte Geschäftsrisiko. Schlüsselindustrien wie die Mechatronik, Automatisierung, Energie- und Klimatechnik sowie Gesundheitspflege sind besonders betroffen.

Das zunehmende Ungleichgewicht zwischen der Anzahl an Erwerbs- und Nichterwerbstätigen – bei der bisher niedrigen Arbeitslosenquote vor allem aufgrund der zunehmenden Zahl von Mitbürgern im Rentenalter – und der daraus folgende Fachkräftemangel können in geringen Teilen durch Automatisierung und Ausschöpfung vorhandener Potenziale ausgeglichen werden. Die regionalen Unterschiede sind signifikant. Während deutlich mehr Flüchtlinge als erwartet seit 2015/16 den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt geschafft haben, kann hier noch ein Ausgleich stattfinden. Nichtsdestotrotz wird Deutschland auf Fachkräfteeinwanderung angewiesen sein, wenn der aktuelle Lebensstandard und die hohe Wettbewerbsfähigkeit beibehalten werden sollen.

1 https://www.unhcr.org/flagship-reports/globaltrends/

Die Flüchtlingskrise von 2015/16 hat nicht nur Deutschland, sondern einen Großteil der europäischen Staaten getroffen, mit denen sich die Bundesregierung um eine enge Abstimmung bemüht hat. Während die betroffenen Grenzstaaten (in erster Linie Griechenland und Italien) durch innereuropäische Grenzöffnungen, Aussetzung des Dublin-Verfahrens und Aufnahme von mehr als 2,5 Millionen Flüchtlingen tatsächlich entlastet werden konnten, hält sich die europäische Solidarität in der Frage der Umverteilung in Grenzen.

Auch in der Zeit nach der Flüchtlingskrise fällt die Einigung und Reform des Asylsystems schwer. Zwar kam es zu einigen erheblichen Entwicklungen. So hat die Europäische Kommission im September 2020 ein neues Migrations- und Asylpaket vorgeschlagen, das sich unter anderem ein kohärenteres und besser funktionierendes europäisches Asylsystem zum Ziel gesetzt hat. Im Juni 2021 einigten sich zudem Rat und Parlament darauf, das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen in die Asylagentur der Europäischen Union zu wandeln. Damit sollen die Mitgliedsstaaten bei den Asylverfahren unterstützt und deren Qualität verbessert werden. Dennoch bleiben wichtige Fragen die Aufnahme, Verteilung und Finanzierung betreffend ungeklärt.

Die Zusammenarbeit mit außereuropäischen Partnern nimmt eine besondere Stellung ein, wobei sich die Kooperation ganz unterschiedlich darstellt. Die Bundesregierung konnte zum Beispiel im europäischen Rahmen durch die sogenannten Migrationspartnerschaften, aber auch bilateral besonders mit Niger und Mali, Fortschritte erreichen. Deutschland spielt ebenso in der G20-Initiative Compact with Africa eine tragende Rolle – einerseits als Initiator, andererseits als enger Partner von Compact-Ländern wie Tunesien (unter anderem im Zuge des Marshallplans mit Afrika). Im Niger werden beispielsweise in der für den Menschenschmuggel wichtigen Region Agadez Projekte unterstützt, um den Menschen alternative Erwerbstätigkeiten zu ermöglichen. Die Zusammenarbeit wurde in den letzten Jahren sukzessive ausgebaut. In Mali nimmt Deutschland eine Führungsrolle in der Stabilisierungsmission der UN (MINUSMA) ein und trägt damit zur Friedenssicherung bei. Zudem setzt die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag der Bundesregierung Projekte zur verbesserten Regierungsführung und Dezentralisierung um. Damit werden zwei zentrale afrikanische Transitstaaten für Flucht und Migration unterstützt. Mit Tunesien, das sowohl Herkunfts-, Transit- als auch Aufnahmeland ist, wird besonders in den Bereichen der nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung, Beschäftigungsförderung und makroökonomischen Stabilität zusammengearbeitet.

Die Türkei, vor allem durch das EU-Türkei-Abkommen ein zentraler Partner bei der Reduzierung irregulärer Migration in die EU, ist nicht erst seit der einseitigen Grenzöffnung durch Präsident Erdogan im Frühjahr 2020 ein schwieriger Partner. Einerseits leistet die Türkei mit der Aufnahme und Versorgung von mehr als 3,5 Millionen syrischen Flüchtlingen einen beträchtlichen Beitrag zur Bewältigung der Krise, andererseits nutzt die türkische Regierung das Drohpotenzial einer erneuten Flüchtlingskrise in Europa immer wieder als politisches Druckmittel.

Während die Bewältigung der Flüchtlingskrise eine hervorgehobene Rolle spielt, hat die Bundesregierung mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, am 1. März 2020 in Kraft getreten, zudem auf die Notwendigkeit von vermehrter Arbeitsmigration nach Deutschland aus Nicht- EU-Ländern reagiert. Der Fachkräftebedarf kann durch Zuwanderung aus EU-Ländern nicht gedeckt werden, zudem beklagen einige Partnerstaaten zunehmend den Braindrain nach Deutschland. Allerdings stehen viele Entwicklungsstaaten vor dem Dilemma, nicht genug Arbeitsplätze für ihre wachsende, zum Teil gut ausgebildete Bevölkerung schaffen zu können. Gerade in vielen afrikanischen Staaten wie Nigeria, Marokko, Tunesien und Ghana hat die Jugend oft nicht ausreichende wirtschaftliche Perspektiven.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll den Zuzug solcher, auch nicht akademisch-qualifizierten Fachkräfte nach Deutschland erleichtern, indem es zum Beispiel den temporären Aufenthalt in Deutschland zur Suche eines Arbeitsplatzes erlaubt, die Begrenzung auf Mangelberufe aufhebt und die Anerkennung der beruflichen Qualifikation erleichtert. Dennoch wird das von der Bundesregierung angegebene Ziel des Zuzugs von mindesten 25.000 neuen Fachkräften pro Jahr kaum zu erreichen sein, da die Anerkennung der beruflichen Qualifizierung weiterhin sehr langwierig ist, die sprachliche Hürde Deutsch schon vor dem Zuzug überwunden werden und Deutschland auch erst als Einwanderungsland im Ausland bekannt gemacht werden muss. Erschwerend kommt noch die Corona-Pandemie hinzu. Es gilt jedoch die Weichenstellungen vorzunehmen und den Blick über die unmittelbare Krisenbewältigung zu richten, um das Ziel mittelfristig erreichen zu können.

Trotz dieser Herausforderungen stellt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz eine Zäsur in der deutschen Arbeitsmarktpolitik dar. Dieser angestrebte Wandel kann nur mithilfe weiterer politischer Maßnahmen erreicht werden. Zu diesem Zweck befindet sich die Bundesregierung in Verhandlungen mit möglichen Partnerländern in Asien und Lateinamerika. In Brasilien und Indien soll es Pilotprojekte geben, mit dem Handwerksverband in Bosnien-Herzegowina wurden erste Vereinbarungen getroffen und Bundesgesundheitsminister Spahn reiste Ende 2019 nach Mexiko, um mexikanische Pflegekräfte zu werben und eine engere Partnerschaft beim Austausch von Fachkräften zu vereinbaren.

Der Fokus liegt zunächst auf Ländern, die bereits einen starken Bezug zu Deutschland haben und über entwickelte Ausbildungssysteme verfügen. Viele dieser Staaten besitzen bereits langjährige Erfahrung mit gezielter Arbeitsmigration. Die philippinische Regierung initiierte schon in den 1970er Jahren ein Programm zur Förderung von Arbeitsmigration, zunächst vor allem in die Golfstaaten, danach zunehmend auch in anderen asiatischen Staaten, in Kanada, Australien und den USA. Die Philippinen verfügen über zahlreiche staatliche Institutionen zur Unterstützung der Arbeitsmigration der eigenen Bevölkerung.

Die Flüchtlingskrise 2015/16 hat die Notwendigkeit eines Umverteilungsschlüssels von Schutzsuchenden bewiesen, damit die EU in Zukunft handlungsfähig ist. Ebenso haben die Krise an der griechisch-türkischen Grenze (nach Öffnung der Grenze von türkischer Seite durch Präsident Erdogan) und die Verschärfung der humanitären Notlage auf den griechischen Inseln deutlich gemacht, dass die EU trotz der Vorhersehbarkeit dieser Entwicklungen nicht ausreichend vorbereitet war.

Während der Grenzschutz weitgehend funktioniert hat, sollte sich die deutsche Regierung für einen weiteren Ausbau der Unterstützung der Grenzstaaten auch hinsichtlich einer Linderung der humanitären Notlage auf den Inseln einsetzen. Es ist absehbar, dass irreguläre Migration und Flucht die Kapazitäten der EU-Grenzstaaten auch zukünftig überfordern werden. Deutschland sollte sich für eine Koalition der Willigen nicht nur wie für den Fall der Seenotrettung sondern als ganzheitlichen asylpolitischen Ansatz einsetzen. Frankreich, Spanien, die skandinavischen Länder, die Beneluxstaaten sowie Deutschland würden sich auf einen Umverteilungsmechanismus untereinander und finanzielle Beteiligung mit den anderen EU-Staaten einigen, um die EU-Grenzstaaten in einem geordneten Rahmen entlasten zu können. Die Notwendigkeit, die hohe Konzentration von Schutzsuchenden in Lagern, in denen hygienische Mindeststandards nicht eingehalten werden können, zu vermeiden, ist aufgrund der Corona-Pandemie noch deutlicher geworden.

Darüber hinaus gilt es, das EU-Türkei-Abkommen zu erneuern. Hier muss verlorenes Vertrauen wiederaufgebaut werden, um von beiden Seiten mit realistischen Erwartungen ein neues Kapitel der migrationspolitischen Zusammenarbeit aufschlagen zu können.

Nicht zuletzt hat die engere Kooperation mit Partnern, die medial weniger Aufmerksamkeit genießen, das Potenzial, Migrationsströme effektiver zu gestalten. Eine ausgebaute Zusammenarbeit mit den Balkanstaaten, die neben der Grenzsicherung auch die wirtschaftlichen Bedürfnisse vor Ort einbezieht, kann zu einer engeren Anbindung dieser Länder an die EU beitragen. Die Unterstützung des Aufbaus stabiler staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen in von Bürgerkriegen und extremer Armut geplagten Ländern wie Afghanistan sowie das gegenseitige Lernen von anderen Ziel- und Transitländern wie Kolumbien und Marokko haben das Potenzial, zukünftigen Flüchtlings- und Migrationskrisen vorzubeugen und die wirtschaftlichen Chancen von Migration besser nutzen zu können.

Bei der Entlastung von Aufnahmeländern hat der UNHCR eine hervorgehobene Rolle, so beispielsweise bei der humanitären Versorgung von Flüchtlingen in Burundi, Somalia, Syrien und Afghanistan. Gleichzeitig ist der UNHCR, da er auf freiwillige Spenden angewiesen ist, jedoch strukturell unterfinanziert (etwa 2018 43 Prozent). Einzelne Programme sind besonders betroffen. So mussten etwa die Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge aus Burundi mehrmals erheblich eingeschränkt werden. Die EU und Deutschland als jeweils zweit-und drittstärkster Geber des UNHCR tragen dazu bei, dass Flüchtlinge kurzfristig vor Ort Unterstützung erfahren. Deutschland sollte sich dafür einsetzen, dass insbesondere die europäischen Partnerländer zu einer umfänglicheren Finanzierung der Programme beitragen, da diese den oft gefährlichen Weg nach Europa vorbeugen können, kosteneffektiv sind und zu einer Entlastung der Aufnahmestaaten führen.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist hingegen ein wichtiger erster Schritt, um den deutschen Arbeitsmarkt auf die gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen der Wirtschaft auszurichten. Damit es sein Ziel erreichen kann, bedarf es jedoch entscheidender begleitender Maßnahmen. Zum einen gilt es, neue Partner für Abkommen zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsabschlüssen oder Ausbildungskooperationen zu gewinnen. Dies kann zum Beispiel durch die gezielte Ausbildung vor Ort durch deutsche Unternehmen, umfänglichere Initiativen, in denen das deutsche System der dualen Ausbildung Vorbildcharakter hat, oder die direkte Anerkennung der beruflichen Abschlüsse im Partnerland erfolgen. Die Bundesregierung unterstützt bereits jetzt im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit weltweit Staaten beim Ausbau der dualen Berufsausbildung, so etwa Serbien, Mexiko, Kenia und die zentralasiatischen Staaten. Die Koordinierung dieser zahlreichen Initiativen im Rahmen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes würde über die geplanten Pilotprojekte hinaus, etwa in Brasilien und Indien, entscheidend dazu beitragen, das Potenzial von Arbeitsmigration nach Deutschland zu nutzen.
Darüber hinaus gilt der Sprachförderung vor Ort eine besondere Priorität, da Deutschkenntnisse nicht nur Vorbedingung für den Aufenthalt in Deutschland zur Arbeitsplatzsuche sind, sondern als Grundlage für den beruflichen Erfolg und eine gelungene Integration in Deutschland dienen. Das weltweite Netz der Goethe-Institute zur deutschen Sprachförderung sollte ausgebaut und das Angebot (speziell um berufsvorbereitende Sprachkurse) erweitert werden.

Die Kapazitäten der Visastellen an den deutschen Botschaften, aber auch die Verfügbarkeit von Visastellen müssen ausgebaut werden, um Anträge schnellstmöglich bearbeiten zu können. Um die angestrebte Fachkräftezuwanderung zu erreichen, sollten die potenziellen Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt ihre Visaanträge in den Herkunftsländern stellen können und nicht erst in ein Nachbarland reisen müssen. Bei der Zuwanderung von qualifizierten Migranten steht Deutschland in Konkurrenz mit zahlreichen anderen Staaten – es sollte deshalb für sie den Weg nach Deutschland so wenig wie möglich verbauen.

Die folgenden fünf Fallbeispiele veranschaulichen das Potenzial einer engeren Zusammenarbeit mit Staaten, die bei der Regulierung internationaler Migrationsströme ganz unterschiedliche Rollen spielen. Es handelt sich dabei einerseits um Staaten, in denen eine Vertiefung der bereits bestehenden langjährigen Kooperation maßgeblich zu verbesserter Migrationssteuerung führen kann, und andererseits um Staaten, mit denen die bisherigen Partnerschaften noch deutlich ausgebaut werden können und ein hohes Potenzial zur Erreichung gemeinsamer Ziele besteht.

Mit Afghanistan existierte eine etablierte sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Doch mit dem Abzug der NATO-Truppen und dem Anstieg der Gewalt durch die Taliban ist es fraglich, ob bisherige Erfolge in der Verbesserung der Lebens- und Beschäftigungsgrundlagen beständig sein werden.

Während Niger, Marokko und Serbien auch Transitländer sind, stehen sie vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen. Im Niger spielen vor allem sicherheitspolitische Aspekte und der Aufbau von staatlichen Institutionen eine wichtige Rolle, während Marokko ein zentraler Akteur ist in der regionalen Migrationspolitik, auch im Rahmen der Afrikanischen Union. In Serbien (als Staat auf der sogenannten Balkanroute) stehen die Grenzsicherung sowie Versorgung und Umverteilung der Flüchtlinge vor Ort im Vordergrund.

Kolumbien erhält hierzulande weniger mediale Aufmerksamkeit, ist aber aufgrund der unhaltbaren Zustände in Venezuela eines der Hauptaufnahmeländer von Migranten und Flüchtlingen weltweit. Der Erfahrungsaustausch und die Unterstützung bei der unmittelbaren Versorgung der Geflüchteten sowie zur Umsetzung mittel- und langfristiger Public Policies spielen schon jetzt eine wichtige Rolle und haben weiteres Potenzial, zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vor Ort beizutragen.

Anhand dieser Fallbeispiele zeigt sich, dass ganz unterschiedliche Partnerschaften notwendig sind, um zu einer effizienten Regulierung globaler Migrationsströme beizutragen.

Aktualisiert am: 15.09.2021

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SERBIEN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

In Bezug auf die Regulierung globaler Migrationsströme hat Serbien für Deutschland eine zentrale Bedeutung. Seit dem Beginn der Flüchtlingskrise von 2014 bewegt sich ein großer Teil der Flüchtlinge aus Nahost, Zentral- und Südasien über die sogenannte Balkanroute. Deren Hauptstrang führt von der Türkei und Griechenland aus über Bulgarien, Nordmazedonien und Serbien an die EU-Außengrenze mit Ungarn und Kroatien.

MAROKKO

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Marokko hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Partner Deutschlands in Migrationsfragen entwickelt. Das Königreich hat zum einen eine besondere Rolle innerhalb der Afrikanischen Union (AU) und der internationalen Gemeinschaft übernommen, zum anderen ist es selbst eines der Länder, in der Migration in unterschiedlicher Art und Weise stattfindet.

NIGER

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Niger ist ein wichtiges Transitland für Migranten aus Afrika in Richtung der Mittelmeerküste. Die sogenannte zentrale Mittelmeeroute führt – vor allem über die nigrische Stadt Agadez – in Richtung der algerischen und libyschen Grenze und weiter an die Küste des Mittelmeers. Zahlreiche Nigrer beteiligen sich am Transport von Migranten durch die Sahara, eine Tätigkeit, die gleichermaßen lukrativ für die Schleuser wie gefährlich für die Migranten ist. Darüber hinaus ist Niger auch Durchgangsland für Rückkehrer aus Libyen oder für aus Algerien ausgewiesene afrikanische Migranten. Deutschland wie die EU insgesamt haben ein erhebliches Interesse, Niger als eine der Drehscheiben der afrikanischen Migration bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu unterstützen sowie illegale Migrationsströme möglichst nahe ihres Ursprungs zu unterbinden.

KOLUMBIEN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich nach offiziellen Angaben der kolumbianischen Migrationsbehörde circa 1,8 Millionen der insgesamt mehr als vier Millionen venezolanischen Migranten in Kolumbien. Nach Schätzungen des kolumbianischen Außenministeriums könnte der Migrantenstrom bis Ende 2020 auf drei Millionen anwachsen, wobei weder die sogenannten Durchgangsmigranten noch die Pendler berücksichtigt sind.

AFGHANISTAN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

Afghanistan war jahrzehntelang das Land mit der größten Diaspora weltweit. 2015 wurde es von Syrien abgelöst. Afghanistan blickt auf 40 Jahre Flucht, Auswanderung und Vertreibung aufgrund von Bürgerkrieg, Gewalt und zerstörten Lebensgrundlagen zurück. Seit 2001 ist das Land einer der wichtigsten sicherheitspolitischen Partner Deutschlands im Mittleren Osten. Auch in der Migrationspolitik ist Afghanistan ein verlässlicher Partner und hat Migrationsströme nie als politisches Druckmittel eingesetzt.