PARTNER-ATLAS

KOLUMBIEN

Als Partner für die Regulierung globaler Migrationsströme

01 — Die Leitfragen zum Partner-Atlas

RELEVANZ: Welche Relevanz hat Kolumbien für Deutschland, wenn es darum geht, das Interesse "Die Regulierung globaler Migrationsströme" zu verwirklichen?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich nach offiziellen Angaben der kolumbianischen Migrationsbehörde circa 1,8 Millionen der insgesamt mehr als 4 Millionen venezolanischen Migranten in Kolumbien. Nach Schätzungen des kolumbianischen Außenministeriums könnte der Migrantenstrom bis Ende 2020 auf 3 Millionen anwachsen, wobei weder die sogenannten  Durchgangsmigranten noch die Pendler berücksichtigt sind.

Dass Kolumbien die wichtigste Anlaufstelle für Venezolaner darstellt, erklärt sich durch die sprachliche und kulturelle Nähe sowie die Tatsache, dass viele Familien Verwandte auf beiden Seiten der Grenze haben. Diese Aspekte erleichtern einerseits die Integration, verringern andererseits jedoch nicht die wirtschaftlichen Herausforderungen für die Institutionen des Gastlandes. Zudem befinden sich sehr viele Migranten in einer extremen wirtschaftlichen, sozialen, physischen und psychischen Notlage.

Die mehr als 2.000 Kilometer lange kolumbianisch-venezolanische Grenze verfügt lediglich über sieben offizielle Grenzübergänge und führt über weite Strecken durch unwegsames Gelände, was eine Kontrolle der Ein-und Ausreise sowie des (legalen und illegalen) Handels praktisch unmöglich macht. Ein Großteil der Migranten kommt über die zahlreichen illegalen Grenzübergänge ins Land, die in der Regel von kriminellen Gruppen kontrolliert werden, was die Registrierung und Erstversorgung (Nahrungsmittel, ärztliche Untersuchung und Behandlung) erschwert. Derzeit gehen die Behörden von mehr als 900.000 illegalen Migranten auf kolumbianischem Territorium aus.

Die kolumbianische Regierung ist sich der politischen und humanitären Krise in Venezuela bewusst und bemüht sich im Rahmen einer großzügigen, nachbarschaftlichen Solidarität, die Migranten bestmöglich aufzunehmen und zu versorgen. Gleichzeitig wird mit internationaler Unterstützung vehementer Druck auf die venezolanische Regierung ausgeübt. Denn solange sich die Situation dort nicht ändert, wird die Migration nach Kolumbien zunehmen. Die künftige Stabilität Kolumbiens und der Region hängt im Wesentlichen davon ab, ob die Migrationsströme effizient reguliert und gleichmäßiger verteilt werden können.

BEREITSCHAFT: Wie groß ist die Bereitschaft Kolumbiens, mit Deutschland zur Verwirklichung dieses Interesses zusammenzuarbeiten?

Die deutsche Regierung leistete von Anfang an wichtige Unterstützung bei der Bewältigung der Migrationskrise. Die Erfahrungen Deutschlands mit der Migrationswelle aus Syrien 2015 wurden in Kolumbien aufmerksam registriert, da Kolumbien vor der Venezuela-Krise eher Auswanderungs- als Einwanderungsland war und somit kaum Erfahrung mit dem Phänomen einer massiven Einwanderung hatte. Das Interesse an einem Dialog mit deutschen Akteuren über erfolgreiche Maßnahmen und vermeidbare Fehler bei der Steuerung der Migration ist entsprechend groß.

Die kolumbianische Regierung hat von Deutschland zum Beispiel das System zur Identifizierung und Registrierung von Migranten übernommen. Kolumbien setzt sich im Rahmen des sogenannten Quito-Prozesses dafür ein, dieses System regional einzuführen. Weiterhin dient das deutsche Modell zur Verteilung der Migranten auf die einzelnen Regionen und Länder (je nach wirtschaftlicher Kapazität und Bevölkerungsstruktur) als Anregung. Kolumbien ist an einer gleichmäßigeren Verteilung der Migranten in der Region sehr gelegen. Die Zurückhaltung der Länder, die nicht unmittelbar und im gleichen Ausmaß von der Migration betroffen sind, lässt dabei Parallelen zur europäischen Migrationsdebatte sichtbar werden.

Auf internationaler Ebene hat Kolumbien – ebenso wie Deutschland – aktiv an Initiativen wie dem Globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration auf UN-Ebene sowie der Solidaritätskonferenz mitgewirkt, die im vergangenen Jahr in Brüssel auf Initiative von UNHCR, IOM und der EU stattgefunden hat. Kolumbien und Deutschland sind als wichtige Aufnahmeländer von Migranten und Flüchtlingen starke Unterstützer des Migrations- und des Flüchtlingspaktes. Deutschland fällt hier eine besondere Rolle zu, da es als einziges Land weltweit zu den zehn stärksten Aufnahmeländern und Beitragszahlern des UNHCR gehört.

STATUS QUO: Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kolumbien aktuell in diesem Bereich?

Die aktuelle Kooperation zwischen Kolumbien und Deutschland im Bereich Migration ist intensiv. Das BMZ begleitet und berät bei der Einführung des Systems zur Identifizierung und Registrierung von Migranten (vor allem in Grenzgebieten). Das AA engagiert sich stark im Bereich der humanitären Hilfe; zudem leistet Deutschland substanzielle finanzielle Beiträge für Migrationsprogramme der UN und der EU in Kolumbien.

Die GIZ führt etwa Projekte zur Förderung der lokalen Wirtschaft durch, in deren Rahmen die Migration für die Entwicklung des Landes genutzt werden soll, zum Beispiel durch Förderung von Unternehmensgründungen und anderen produktiven Initiativen der Migranten auf kolumbianischem Boden. Zudem wurden Gemeinden unterstützt, die Migranten aufnehmen, besonders im venezolanisch-kolumbianischen Grenzgebiet.

Die politischen Stiftungen engagieren sich im Bereich der Analyse, Aufklärung und Politikberatung, indem sie etwa Regierungsvertreter, Parlamentarier und politische Entscheidungsträger sensibilisieren und weiterbilden. Die Politikberatung bei der laufenden Debatte zu einem kolumbianischen Einwanderungsgesetz steht dabei besonders im Fokus.

Auch die kirchlichen Einrichtungen spielen eine wichtige Rolle bei der Migrantenbetreuung (speziell bei der Soforthilfe). So unterstützt beispielsweise Caritas Deutschland gemeinsam mit lokalen religiösen Einrichtungen die Betreuung von Migranten und kolumbianischen Rückkehrern aus Venezuela.

POTENZIAL: Wie groß ist das Potenzial, die Partnerschaft zwischen Deutschland und Kolumbien in diesem Bereich zu intensivieren?

Wenn sich die politische, wirtschaftliche und soziale Situation in Venezuela nicht entscheidend verbessert, ist davon auszugehen, dass bis Ende 2020 circa 6,5 Millionen Menschen das Land verlassen haben, von denen circa 3 Millionen in Kolumbien bleiben werden. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Entwicklung der Migrationszahlen sind derzeit noch nicht absehbar. Das Potenzial und die Notwendigkeit für eine Kooperation bleiben somit groß.

POLITIKEMPFEHLUNG: Was muss sich in der deutschen Außenpolitik ändern, damit dieses Potenzial vollumfänglich ausgeschöpft werden kann?

Deutschland sollte sich auf multilateraler Ebene noch stärker engagieren, um den internationalen Druck auf das Regime Maduro aufrechtzuerhalten und damit mittelfristig zu einer friedlichen Transition beizutragen. Eine Redemokratisierung verbunden mit internationalen Hilfen für den Wiederaufbau des Landes würde den Migrationsdruck abschwächen und vielen Auswanderern eine Rückkehrperspektive eröffnen. Deutschland sollte sich proaktiv in diesen Prozess einbringen.

Eine Migrationsbewegung solchen Ausmaßes muss von einer längerfristigen Planung begleitet werden, die sich neben den notwendigen Sofortmaßnahmen insbesondere auf die Umsetzung entsprechender mittel- und langfristiger public policies (wie im Gesundheits- und Bildungsbereich) konzentriert. Die Beratung und Unterstützung regionaler und lokaler Regierungen und Verwaltungen ist dabei von großer Bedeutung, da diese wirtschaftlich am stärksten betroffen sind und hier ein großes Interesse an geeigneten Fortbildungsmaßnahmen besteht. Deutschland kann eine solche Beratung aufgrund seiner eigenen Erfahrungen anbieten und damit zur Stärkung der zuständigen kolumbianischen Institutionen, zur Dezentralisierung der Betreuung von Migranten und zur regionalen Entwicklung beitragen.

Da sowohl Kolumbien als auch Deutschland auf absehbare Zeit Einwanderungsländer bleiben werden, besteht eine hohe Interessenskongruenz, um auf multilateraler Ebene gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Abgesehen von konkreten Unterstützungsmaßnahmen vor Ort sollte die deutsche Außenpolitik Wert darauf legen, Kolumbien als strategischen Interessenspartner in der globalen Migrationsdebatte einzubeziehen, damit der Globale Migrationspakt und der Globale Flüchtlingspakt, den beide Staaten unterstützen, nach ihrer Verabschiedung im Dezember 2018 nun auch schrittweise umgesetzt werden.

Stefan Reith leitet das KAS-Auslandsbüro Kolumbien.

KOLUMBIEN

  • Population: 50.882.891
  • Capital: Bogota
  • Interesse: Die Regulierung globaler Migrationsströme
  • Region: Lateinamerika
  • Potenzielle Partnerländer: Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras Kolumbien, Mexiko, Panama

04 — Die Region

Lateinamerika

logo

PERU

Peru ist in Lateinamerika hinsichtlich seines enormen Ressourcenreichtums und seiner Biodiversität eine Ausnahmeerscheinung. Das Land verfügt über drei große Landschafts­zonen: die Küste, deren weite Teile von Wüste bedeckt sind, die Anden sowie die Urwald­region. Laut World Ressource Institute ist Peru eines von insgesamt acht megadiversen Ländern weltweit und verfügt über 84 der 104 existierenden Lebenszonen. 76 Prozent der Landesfläche wird von Regenwald belegt, womit das Land nach Bra­silien über den größten Anteil am Amazonas- Regenwald verfügt.

  • Population: 32.971.854
  • Capital: Lima
MEHR ERFAHREN
logo

MEXIKO

Im Zusammenhang mit Organisierter Krimi­nalität, Drogenhandel und Durchdringung des Staates durch kriminelle Gruppen steht Mexiko – regionale Führungsmacht und G20-Mitglied – vor besonderen Herausfor­derungen, die sowohl die innere als auch die regionale Sicherheit betreffen. Angesichts der grenzüberschreitenden Auswirkungen der Organisierten Kriminalität in Mexiko, den Migrationsbewegungen aus Zen­tralamerika und anderen Weltregionen durch Mexiko in Richtung USA und dem signifikanten wirtschaftlichen Potenzial ist das Land für die Stabilität der Region von großer Bedeutung.

  • Population: 128.932.753
  • Capital: Mexiko-Stadt
MEHR ERFAHREN
logo

KOLUMBIEN

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich nach offiziellen Angaben der kolumbianischen Migrationsbehörde circa 1,8 Millionen der ins­gesamt mehr als 4 Millionen venezolanischen Migranten in Kolumbien. Nach Schätzungen des kolumbianischen Außenministeriums könnte der Migrantenstrom bis Ende 2020 auf 3 Mil­lionen anwachsen, wobei weder die sogenann­ten Durchgangsmigranten noch die Pendler berücksichtigt sind.

  • Population: 50.882.891
  • Capital: Bogota
MEHR ERFAHREN
logo

URUGUAY

Trotz der bescheidenen Größe hat Uruguay mit seiner beeindruckenden politischen und sozio­ökonomischen Verfasstheit im lateinamerikani­schen Vergleich Modellcharakter. In einer nicht immer stabilen Region blickt das Land auf eine lange demokratisch-republikanische Tradition mit funktionierenden Institutionen und einer vielfältigen Medienlandschaft zurück.

  • Population: 3.473.730
  • Capital: Montevideo
MEHR ERFAHREN
logo

BRASILIEN

Brasilien ist die größte Volkswirtschaft Latein­amerikas und zählt mit einem BIP von circa zwei Billionen US-Dollar zu den wichtigsten Schwel­lenländern der Welt. Das Land verfügt über einen Binnenmarkt von 210 Millionen Einwoh­nern und ist reich an natürlichen Ressourcen. Dank eines leichten Wirtschaftswachstums in den letzten drei Jahren blickt Brasilien mit seiner stark gewachsenen Mittelschicht wieder optimistischer in die Zukunft, allerdings könnte die Corona-Krise dies wieder zunichtemachen.

  • Population: 212.559.417
  • Capital: Brasilia
MEHR ERFAHREN