PARTNER-ATLAS

KENIA

Als Partner für die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation

01 — Die Leitfragen zum Partner-Atlas

RELEVANZ: Welche Relevanz hat Kenia für Deutschland, wenn es darum geht, das Interesse "Die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation" zu verwirklichen?

Kenia ist der stabilste Staat Ostafrikas und eine nach Westen ausgerichtete Marktwirtschaft. Mit einem konstant starken Wirtschaftswachstum in den zwölf Jahren vor der Corona-Krise und einem BIP in Höhe von knapp 88 Milliarden US-Dollar (2018) ist Kenia die größte Volkswirtschaft in Ostafrika und ein Wachstumsmotor für die gesamte Region. Auch dank des Hafens Mombasa und des Flughafens in Nairobi ist das Land ein wichtiger Hub im Handel und im Finanzwesen. Viele internationale Unternehmen haben Kenia als Sitz ihrer (Ost)Afrika-Niederlassungen gewählt.

Kenia hat sich mit seiner Hauptstadt Nairobi darüber hinaus zu einem Innovationszentrum in Afrika entwickelt. Das 2007 eingeführte Bezahlsystem MPesa ist heute der weltweit größte Anbieter für mobile Zahlungen, kein Land auf der Welt hat einen höheren Anteil an Nutzern mobiler Bezahlsysteme. Durch diesen Erfolg konnte in Kenia ein professioneller Technologiesektor entstehen. Die Start-up-Szene profitiert dabei von einer im regionalen Vergleich gut ausgebauten digitalen Infrastruktur: 85 Prozent der Bevölkerung hat Zugang zum Internet.

BEREITSCHAFT: Wie groß ist die Bereitschaft Kenias, mit Deutschland zur Verwirklichung dieses Interesses zusammenzuarbeiten?

Die Technologie- und Gründerszene Kenias hat es trotz der guten Ausgangslage bisher nicht geschafft, den großen Erfolg von MPesa an anderer Stelle zu wiederholen. Eine enge Partnerschaft mit Deutschland, das jüngst von Bloomberg zur innovativsten Volkswirtschaft der Welt gekürt wurde, könnte hier für Kenia hilfreich sein.

Kenia ist als regionaler Hub an Stabilität in seinem Umfeld interessiert und engagiert sich daher stark im multilateralen Rahmen. So beteiligt sich Kenia an der Friedensmission der Afrikanischen Union (AU) in Somalia und trägt damit zur Sicherung einer der weltweit wichtigsten Handelsrouten am Horn von Afrika bei.

Durch die in den beiden letzten Dekaden exponentiell angestiegenen Investitionen Chinas hat sich die westliche Orientierung Kenias zwar abgeschwächt, das Land ist aber weit davon entfernt, ein „Vasall“ Chinas zu werden. Im Gegenteil wägt Kenia klug zwischen den potenziellen Partnern ab.

STATUS QUO: Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kenia aktuell in diesem Bereich?

Kenia hat als einziges Land der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) das 2014 mit der EU ausgehandelte Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA) ratifiziert. Dieses EPA ist ein entscheidender Baustein für die zukünftigen Handelsbeziehungen Deutschlands mit Afrika, da das Cotonou-Abkommen, welches den meisten Staaten Subsahara-Afrikas inklusive Kenia bisher einseitigen präferenziellen Zugang zum europäischen Markt ermöglicht, 2020 ausläuft. Da Kenia als einziger Staat der EAC nicht mehr zur Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder zählt, kann es nach Auslaufen des Abkommens nicht die Vorteile der europäischen Initiative Alles außer Waffen nutzen, unter der 33 afrikanische Staaten zoll- und quotenfreien Zugang zum europäischen Markt erhalten. Nur ein gegenseitiges Abkommen wie das EPA würde weiterhin WTO-konformen bevorzugten Zugang zum europäischen Markt ermöglichen.

Wahr ist aber auch, dass es in Kenia widerstrebende handelspolitische Interessen gibt. Auf der einen Seite schützen einflussreiche Gruppen ihre Partikularinteressen durch Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse. Und Misstrauen gegenüber Nachbarstaaten, zu denen aktuell ohnehin keine guten politischen Beziehungen bestehen, macht die Umsetzung regionalen Freihandels in naher Zukunft unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass im Schatten der Corona-Pandemie verstärkt Argumente gegen eine weitere Marktöffnung verfangen, was auch Fortschritte bei der Afrikanischen Freihandelszone (AfCFTA) erschweren dürfte.

Auf der anderen Seite gibt es durchaus Interesse an mehr Handel mit Deutschland und Europa, insbesondere in der auf den Export ausgerichteten Agrarindustrie, aber auch in der Start-up-Szene, die auf Investoren aus dem Westen angewiesen ist. So ist etwa das deutsche Unternehmen Rocket Internet in Kenia sehr aktiv und hat mit Jumia den größten Online-Händler Afrikas aufgebaut.

POTENZIAL: Wie groß ist das Potenzial, die Partnerschaft zwischen Deutschland und Kenia in diesem Bereich zu intensivieren?

Besonders in der Agrarindustrie besteht großes Potenzial für eine intensivere Zusammenarbeit. Moderne Agrartechnik und innovative Anbaumethoden werden nachgefragt. Bisher werden in Europa jedoch nur solche Produkte im größeren Umfang abgenommen, die nicht mit subventionierten europäischen Produkten konkurrieren, insbesondere Schnittblumen, Kaffee und Tee. Aufgrund der globalen Transporteinschränkungen infolge der Corona-Pandemie ist der Agrarexport Kenias zeitweise völlig zusammengebrochen. Noch ist unklar, ob die ursprünglichen Strukturen wiederhergestellt werden können. Dieser Prozess kann jedoch auch dazu genutzt werden, die Exporte zu diversifizieren.

Neben zahlreichen Start-ups existieren in Kenia auch viele kleine Betriebe der Leichtindustrie, die dank einer vergleichsweise guten Infrastruktur in Wertschöpfungsketten der deutschen Industrie eingebunden werden könnten. Kenias Potenzial ließe sich jedoch erst dann komplett ausschöpfen, wenn zumindest regionaler Freihandel erreicht wäre. Eine noch darüber hinausgehende Integration im Rahmen der AfCFTA würde die Bedeutung Kenias als Investitions- und Technologiestandort weiter stärken.

POLITIKEMPFEHLUNG: Was muss sich in der deutschen Außenpolitik ändern, damit dieses Potenzial vollumfänglich ausgeschöpft werden kann?

Deutschland sollte sich auf europäischer Ebene weiter für Handelsabkommen mit afrikanischen Staaten einsetzen. Ob das EPA zwischen der EU und der EAC hierfür noch das beste Mittel ist, sollte geprüft werden. Bei anhaltender Blockade durch die anderen Mitgliedstaaten der EAC könnte der regionale Ansatz zunächst in den Hintergrund treten und die bilaterale Zusammenarbeit mit Kenia stärker in den Fokus genommen werden.

Das Entstehen der AfCFTA sollte konstruktiv und mit langem Atem begleitet werden. Für Kenia sowie für deutsche Firmen, die aus Kenia heraus den gesamten Kontinent bedienen könnten, wäre die Umsetzung ein Segen. Jedoch dürfen die weiter bestehenden gegenläufigen Interessen der Eliten vieler afrikanischer Staaten (auch Kenias) nicht wohlwollend ignoriert werden. Eine schnelle Umsetzung ist somit nicht zu erwarten. Bei erfolgreicher Implementierung sollte sich Deutschland jedoch für die Aufnahme von Verhandlungen eines umfassenden EU-AU-Abkommens starkmachen.

Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der kenianischen Exporte Agrarprodukte sind, bedeutet ein solches Vorhaben auch ein radikales Umdenken in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Ein zoll- und quotenfreier Zugang Kenias und anderer Staaten Subsahara-Afrikas zum europäischen Markt ist nur wenig wert, wenn der Wettbewerb durch die Subventionierung europäischer Produzenten verzerrt wird. Gerade im Bereich der Milch- und Fleischproduktion sowie bei Obst- und Gemüsesorten, die auch in Europa erzeugt werden, hätte Kenia großes Potenzial als Lieferant.

Im Agrarbereich sollten Investitionen in eine stärkere Technisierung und Intensivierung der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft gefördert werden, anstatt weiterhin die kleinräumigen und eher auf Subsistenz ausgerichteten Strukturen zu festigen. Deutschland mit seinen Stärken in Landwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie und Landmaschinenbau könnte hier in allen Phasen der Wertschöpfungskette profitieren.

Im Technologiebereich hat Kenia trotz beeindruckender Entwicklungen noch große Baustellen zu bewältigen. Wie auch anderenorts in Afrika ist für kleine Unternehmen und damit auch für Start-ups der Zugang zu Kapital besonders beschwerlich oder gar unmöglich. Innovationen werden so im Keim erstickt. Über deutsche und europäische Förderbanken könnten zusätzliche Zugänge zu Kapital geschaffen werden, die auch eine längerfristige Finanzierung ermöglichen. Hierbei darf aber nicht ignoriert werden, dass Korruption auf allen Ebenen des Staates weiterhin der zentrale Bremser für Innovation und Investitionen ist. Hier muss die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik mit einem langfristigen Ansatz konsequent gegensteuern.

Ergänzend sollten Strukturen für den Wissensaustausch zwischen Deutschland und Kenia geschaffen werden wie die in Gründung befindliche deutsch-kenianische Fachhochschule. Von diesem Austausch mit der jungen Bevölkerung Kenias würde auch die Innovationsfähigkeit Deutschlands enorm profitieren.

Jan Cernicky leitet das KAS-Auslandsbüro Kenia.
Gunter Rieck Moncayo ist Referent „Wirtschaft Subsahara-Afrika“ in der Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit.

KENIA

  • Population: 53.771.296
  • Capital: Nairobi
  • Interesse: Die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation
  • Region: Afrika südlich der Sahara
  • Potenzielle Pratnerländer: Äthiopien, Botswana, Ghana, Kenia, Mosambik, Ruanda, Südafrika

04 — Die Region

Afrika südlich der Sahara

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SÜDAFRIKA

Laut Bundesminister Müller soll Afrika zum „grünen Kontinent der erneuerbaren Energien“ werden. Südafrika, die entwickelteste Volkswirtschaft des Kontinents, verfolgt in diesem Bereich ehrgeizige Ziele, welche in Deutschland ähnlich debattiert werden, so zum Beispiel die drastische Minderung des CO2-Ausstoßes, die Verringerung der massiven Abhängigkeit von Kohle und die Einführung einer Karbonsteuer.

  • Population: 59.308.690
  • Capital: Bloemfontain, Kapstadt, Pretoria
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KENIA

Kenia ist der stabilste Staat Ostafrikas und eine nach Westen ausgerichtete Marktwirtschaft. Mit einem konstant starken Wirtschaftswachstum in den zwölf Jahren vor der Corona-Krise und einem BIP in Höhe von knapp 88 Milliarden US-Dollar (2018) ist Kenia die größte Volkswirtschaft in Ostafrika und ein Wachstumsmotor für die gesamte Region. Auch dank des Hafens Mombasa und des Flughafens in Nairobi ist das Land ein wichtiger Hub im Handel und im Finanzwesen. Viele internationale Unternehmen haben Kenia als Sitz ihrer (Ost)Afrika-Niederlassungen gewählt.

  • Population: 53.771.296
  • Capital: Nairobi
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GHANA

Nicht nur die Bereitschaft Ghanas, sich auf Reformen im wirtschafts- und finanzpolitischen Sektor einzulassen, auch die vor allem im Vergleich zu vielen anderen Subsahara-Afrika-Ländern relativ stabilen Rahmenbedingungen ließen aus Sicht der G20 und speziell Deutschlands (bei der Reformpartnerschaft) Ghana zu einem interessanten Partner werden.

  • Population: 31.072.940
  • Capital: Accra
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NIGERIA

Mit etwa 200 Millionen Einwohnern ist Nigeria nicht nur das größte Land Afrikas, sondern auch seit einigen Jahren die größte Volkswirtschaft des Kontinents. Das Land ist reich an Öl- und Gasvorkommen und zählt zu den größten Erdölexporteuren der Welt. Dennoch steht Nigeria vor immensen Sicherheits- und Wirtschaftsproblemen, die infolge der Corona-Pandemie größer werden und mittel- bis langfristig die gesamte Region weiter destabilisieren und Europa vor große Herausforderungen stellen könnten. Das betrifft sowohl das europäische Interesse, die Staaten des Sahel bei ihrem Kampf gegen den Terrorismus zu unterstützen, als auch die irreguläre Migration aus Afrika zu reduzieren.

  • Population: 206.139.589
  • Capital: Abuja
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NIGER

Niger ist ein wichtiges Transitland für Migranten aus Afrika in Richtung der Mittelmeerküste. Die sogenannte zentrale Mittelmeeroute in Richtung der algerischen und libyschen Grenze und weiter an die Küste des Mittelmeers. Darüber hinaus ist Niger auch Durchgangsland für Rückkehrer aus Libyen oder für aus Algerien ausgewiesene afrikanische Migranten. Deutschland wie die EU insgesamt haben ein erhebliches Interesse, Niger als eine der Drehscheiben der afrikanischen Migration bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu unterstützen sowie illegale Migrationsströme möglichst nahe ihres Ursprungs zu unterbinden.

  • Population: 24.206.644
  • Capital: Niamey
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