PARTNER-ATLAS

BRASILIEN

Als Partner für die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation

01 — Die Leitfragen zum Partner-Atlas

RELEVANZ: Welche Relevanz hat Brasilien für Deutschland, wenn es darum geht, das Interesse " Die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation" zu verwirklichen?

Brasilien ist die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas und zählt mit einem BIP von circa 2 Billionen US-Dollar zu den wichtigsten Schwellenländern der Welt. Das Land verfügt über einen Binnenmarkt von 210 Millionen Einwohnern und ist reich an natürlichen Ressourcen.

Dank eines leichten Wirtschaftswachstums in den letzten drei Jahren blickt Brasilien mit seiner stark gewachsenen Mittelschicht wieder optimistischer in die Zukunft, allerdings könnte die Corona-Krise dies wieder zunichtemachen. Es besteht ein großes Interesse, den Industriesektor zu modernisieren, neue Verkehrsinfrastruktur zu schaffen sowie den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben. Innovative, nachhaltige Lösungen und neue Technologien sind in allen Bereichen gefragt, auch das Thema Industrie 4.0 gewinnt in Brasilien zunehmend an Bedeutung. Darüber hinaus entsteht insbesondere in den Megastädten São Paulo und Rio de Janeiro eine moderne Start-up-Kultur.

Für Deutschland ist Brasilien traditionell der wichtigste Handelspartner in Südamerika und das einzige Land Lateinamerikas, mit dem seit 2008 eine strategische Partnerschaft unterhalten wird. Im Jahr 2018 betrug das deutsch-brasilianische Handelsvolumen rund 15,7 Milliarden US-Dollar, wobei die Importe deutscher Produkte die Summe von 10,5 Milliarden US-Dollar erreichten. Damit steht Deutschland auf Platz 4 der wichtigsten Lieferländer.

BEREITSCHAFT: Wie groß ist die Bereitschaft Brasiliens, mit Deutschland zur Verwirklichung dieses Interesses zusammenzuarbeiten?

Laut offiziellem Diskurs ist die brasilianische Regierung bestrebt, die Offenheit für eine stärkere Integration Brasiliens in produktive Wertschöpfungsketten zu erweitern, Strukturreformen im Steuer- und Arbeitsrecht durchzuführen sowie Bürokratie abzubauen. Dies könnte ein freundlicheres Klima für internationale Investoren schaffen. Vertiefte Kooperation mit deutschen Unternehmen und Institutionen würde Brasilien möglicherweise im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes oder der Erarbeitung von Industrie-4.0-Konzepten einen Mehrwert bieten.

Brasilien steht der internationalen Zusammenarbeit in multilateralen Formaten und dem Freihandel traditionell positiv gegenüber, wenngleich man auch versucht, Industrieprodukte vor Wettbewerb zu schützen – und die Rolle des Landes innerhalb der WTO in der Vergangenheit wenig konstruktiv war. Die Abwesenheit europäischer und deutscher Investitionen hat zudem dazu geführt, dass Brasilien sehr empfänglich für chinesische Investitionen und Anliegen geworden ist und sich bereits zu Beginn des Jahrtausends nach anderen multilateralen Foren (zum Beispiel BRICS) umgesehen hat.

STATUS QUO: Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Brasilien aktuell in diesem Bereich?

Der Austausch etwa zu Themen wie Umwelt, Klima und Biodiversität, Energie, Wissenschaft und Technologie sowie Verteidigung wurde in den letzten Jahren vertieft. Auch innovativere Themen wie Cybersicherheit und Urbanisierung möchte man sich gemeinsam stärker annehmen.

Mit Mitteln des BMZ und der Internationalen Klimainitiative des BMU kooperieren Deutschland und Brasilien insbesondere beim Schutz der Tropenwälder. In dem Land, das 60 Prozent des größten Regenwaldes der Erde auf seinem Staatsgebiet beherbergt, muss allerdings noch dafür geworben werden, dass sich ökonomische und ökologische Interessen nicht zwingend ausschließen. Die Regierung Bolsonaro setzt hier primär auf Pläne einer weiteren wirtschaftlichen Exploration des Amazonasgebiets.

Brasilien und Deutschland haben auch mehrere bilaterale Kooperationsprogramme in den Bereichen Energiesicherheit (deutsch-brasilianische Energiepartnerschaft), Ernährung und wissenschaftliche Entwicklung (Deutsches Wissenschafts- und Innovationshaus DWIH). Initiativen wie diese haben ein Umfeld für den Erfahrungsaustausch gefördert und stehen im Einklang mit den in der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung vorgeschlagenen Zielen.

Im Bereich Handel und Wirtschaft hat sich Brasilien um eine verstärkte Teilnahme an globalen Foren bemüht, an denen auch Deutschland aktiv beteiligt ist (OECD). Ein entscheidender Erfolg ist der nach nahezu 20-jähriger Verhandlungsdauer historische Abschluss des Abkommens zwischen der EU und dem südamerikanischen Handelsbündnis Mercosur.

POTENZIAL: Wie groß ist das Potenzial, die Partnerschaft zwischen Deutschland und Brasilien in diesem Bereich zu intensivieren?

Für Brasilien bietet das Abkommen vor allem Chancen im Bereich der Agrarindustrie. Sollte es zur Ratifizierung kommen, würde das Abkommen die mit mehr als 770 Millionen Einwohnern größte Freihandelszone der Welt entstehen lassen. Der geplante Wegfall von 91 Prozent der Zölle auf die gehandelten Waren könnte allein seitens der europäischen Exporteure jährliche Einsparungen in Höhe von 4 Milliarden Euro zur Folge haben. Über die handelspolitische Bedeutung hinaus ist das Abkommen zweifelsohne ein (geo-)politisches Zeichen für Freihandel, speziell in Richtung der beiden protektionistisch agierenden Weltmächte USA und China.

Auch über die Handelspolitik hinaus ist das Potenzial für eine Intensivierung der Partnerschaft zwischen Brasilien und Deutschland erheblich. Die großen Entfernungen und die fehlende Infrastruktur erschweren die Produktion und die Konzentration des größten Teils des Industrie- und Logistikparks im Süden und Südosten des Landes. Ein Beispiel dafür ist die geringe Auslastung des brasilianischen Flussverkehrs sowie das faktische Nichtvorhandensein eines Eisenbahnnetzes. Die Lösungen zur Überwindung dieses Infrastrukturmangels und zur vollständigen Integration der anderen Regionen müssen ihrerseits den Anforderungen an geringe Kosten und minimale Umweltbelastung entsprechen. Hier könnte die in vielen Technologien führende deutsche Industrie passgenaue Lösungen bereitstellen.

Die deutsch-brasilianische Wissenschaftskooperation kann auch ein weiteres strukturelles Problem in beiden Ländern lösen, nämlich den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als signifikantes Innovationshemmnis. Eine gemeinsame Aus- und Weiterbildung kann dazu beitragen, die Zahl der Fachkräfte zu erhöhen.

Das Potenzial der Digitalisierung von Produktionsprozessen liegt im Ausbau der Konnektivität und der Breitbandinfrastruktur des Landes. Es geht nicht nur um die Bereitstellung von Mechanismen zur Informationsübertragung, sondern auch darum, die entferntesten Regionen wirklich in den nationalen brasilianischen Produktionsmarkt einzubeziehen. Deutschland kann den Mangel an Investitions- und Technologiekapazitäten ausgleichen, indem es Ressourcen und Know-how einbringt und seine Beteiligung an der brasilianischen Wirtschaftsentwicklung ausbaut.

POLITIKEMPFEHLUNG: Was muss sich in der deutschen Außenpolitik ändern, damit dieses Potenzial vollumfänglich ausgeschöpft werden kann?

Für beide Länder wäre es interessant, neben den traditionellen diplomatischen Kanälen auch andere außenpolitische Instrumente zu nutzen. So böte etwa die Intensivierung der Arbeit in den deutsch-brasilianischen Handelskammern die Möglichkeit, die Präsenz deutscher Unternehmen in potenziellen, in Brasilien noch wenig erforschten Zentren weiter auszubauen.

Eine engere und tiefere Beziehung zu den subnationalen Einheiten (Bundesstaaten) wäre ebenso von Bedeutung. Obwohl der brasilianische Föderalismus sehr zentralisiert ist, haben einige Staaten und Kommunen Sekretariate für internationale Beziehungen, die als Kanäle für die Umsetzung neuer Kooperationsvereinbarungen dienen können. Damit stellt die sogenannte Paradiplomatie ein weiteres mögliches Instrument zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland dar.

Die Gemeinsamkeiten in der Außenpolitik (wie die Haltung zur politischen Situation in Venezuela), die Vertiefung des Freihandels mit Regeln und das Engagement für die Gewährleistung der individuellen Freiheiten sollten genutzt werden, um auch den Dialog über sensible Themen wie Umweltschutz und Klimawandel zu fördern.

Grundsätzlich ist es wichtig, Brasilien als bevölkerungsreichstes und wirtschaftsstärkstes Land Lateinamerikas infolge der letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2018 nicht zu isolieren. Brasilien wird gebraucht: nicht nur zur Bewältigung regionaler Probleme, sondern auch zur Lösung globaler Fragestellungen.

Anja Czymmeck leitet das KAS-Auslandsbüro Brasilien.

BRASILIEN

  • Population: 212.559.417
  • Capital: Brasilia
  • Interesse: Die Wahrung unseres Wohlstands durch freien Handel und Innovation
  • Region: Lateinamerika
  • Potenzielle Partnerländer: Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Kolumbien, Mexiko, Panama, Peru

04 — Die Region

Lateinamerika

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PERU

Peru ist in Lateinamerika hinsichtlich seines enormen Ressourcenreichtums und seiner Biodiversität eine Ausnahmeerscheinung. Das Land verfügt über drei große Landschafts­zonen: die Küste, deren weite Teile von Wüste bedeckt sind, die Anden sowie die Urwald­region. Laut World Ressource Institute ist Peru eines von insgesamt acht megadiversen Ländern weltweit und verfügt über 84 der 104 existierenden Lebenszonen. 76 Prozent der Landesfläche wird von Regenwald belegt, womit das Land nach Bra­silien über den größten Anteil am Amazonas- Regenwald verfügt.

  • Population: 32.971.854
  • Capital: Lima
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MEXIKO

Im Zusammenhang mit Organisierter Krimi­nalität, Drogenhandel und Durchdringung des Staates durch kriminelle Gruppen steht Mexiko – regionale Führungsmacht und G20-Mitglied – vor besonderen Herausfor­derungen, die sowohl die innere als auch die regionale Sicherheit betreffen. Angesichts der grenzüberschreitenden Auswirkungen der Organisierten Kriminalität in Mexiko, den Migrationsbewegungen aus Zen­tralamerika und anderen Weltregionen durch Mexiko in Richtung USA und dem signifikanten wirtschaftlichen Potenzial ist das Land für die Stabilität der Region von großer Bedeutung.

  • Population: 128.932.753
  • Capital: Mexiko-Stadt
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KOLUMBIEN

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich nach offiziellen Angaben der kolumbianischen Migrationsbehörde circa 1,8 Millionen der ins­gesamt mehr als 4 Millionen venezolanischen Migranten in Kolumbien. Nach Schätzungen des kolumbianischen Außenministeriums könnte der Migrantenstrom bis Ende 2020 auf 3 Mil­lionen anwachsen, wobei weder die sogenann­ten Durchgangsmigranten noch die Pendler berücksichtigt sind.

  • Population: 50.882.891
  • Capital: Bogota
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URUGUAY

Trotz der bescheidenen Größe hat Uruguay mit seiner beeindruckenden politischen und sozio­ökonomischen Verfasstheit im lateinamerikani­schen Vergleich Modellcharakter. In einer nicht immer stabilen Region blickt das Land auf eine lange demokratisch-republikanische Tradition mit funktionierenden Institutionen und einer vielfältigen Medienlandschaft zurück.

  • Population: 3.473.730
  • Capital: Montevideo
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BRASILIEN

Brasilien ist die größte Volkswirtschaft Latein­amerikas und zählt mit einem BIP von circa zwei Billionen US-Dollar zu den wichtigsten Schwel­lenländern der Welt. Das Land verfügt über einen Binnenmarkt von 210 Millionen Einwoh­nern und ist reich an natürlichen Ressourcen. Dank eines leichten Wirtschaftswachstums in den letzten drei Jahren blickt Brasilien mit seiner stark gewachsenen Mittelschicht wieder optimistischer in die Zukunft, allerdings könnte die Corona-Krise dies wieder zunichtemachen.

  • Population: 212.559.417
  • Capital: Brasilia
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